Vom Rückenwind zur Sturmwarnung – Fuerteventura, Lanzarote & unser Kanaren-Fazit

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Fuerteventura ist die zweitgrösste der Kanarischen Inseln und hat rund 120’000 Einwohner. Geologisch gehört Fuerteventura zu den ältesten Inseln des Archipels, was man an den stark erodierten Bergen gut erkennt. Im Gegensatz zu ihren jüngeren Nachbarn gibt es hier kaum noch aktive vulkanische Formen, dafür umso mehr offene Landschaft und ein Gefühl von Weite. Besonders im Inselinneren hat man oft das Gefühl, irgendwo zwischen Afrika und Atlantik unterwegs zu sein.


Zum Glück kann man Fuerteventura mit der Fähre direkt von Gran Canaria erreichen und muss nicht zuerst auf Teneriffa umsteigen. Kurz überlegen wir noch, ob wir uns richtig entschieden haben, die Stadt Morro Jable im Südosten von Fuerteventura anzufahren, denn die meisten fahren die Strecke aufgrund des überwiegend herrschenden Nordost-Passatwinds in die andere Richtung. Doch das Sturmtief Therese scheint auf unserer Seite zu sein, und wir sollten für mindestens vier Tage starken Rückenwind aus Südwesten haben. Mal schauen, wie lange diese Vorfreude anhalten wird 😅.

So tuckern wir nach etwa zwei Stunden im Hafen von Morro Jable ein. Schon aus der Ferne ist zu erkennen, dass diese Insel endlich mal etwas flacher ist. Wir lieben die Berge, keine Frage – aber einfach mal wieder einen Tag Velofahren ohne 1’000 Höhenmeter hört sich auch ganz gut an.

Wir fahren entlang wunderschöner weisser Sandstrände, die im starken Kontrast zu den oft schwarzen Stränden der anderen Kanareninseln stehen. Der Grund dafür liegt in der Entstehung: Während viele Inseln wie Teneriffa oder La Palma vulkanisch jünger sind und dunklen Lavasand haben, besteht der Sand auf Fuerteventura grösstenteils aus zermahlenen Muscheln und Korallen. Ein Teil davon wird sogar vom Wind aus der nahegelegenen Sahara herübergetragen. Dadurch entstehen diese hellen, fast karibisch wirkenden Strände.

Wir machen einen Badestopp in Playa de Jandía und fahren anschliessend überwiegend der Küste entlang. Begeistert von einer wunderschönen Sanddüne an der Playa del Salmo bleiben wir stehen und bewundern die extremen Farben 😍. Direkt dahinter liegt die ruhige Lagune von Playa de la Barca in Sotavento, die sich bei Flut mit Wasser füllt und eine fast spiegelglatte Fläche bildet. Hier erstrecken sich kilometerlange, schimmernde Sandstrände – ein echtes Paradies für Kitesurfer.
Da der Wind immer noch unerbittlich bläst, machen wir uns mit Sand gefüllten Schuhen auf die Suche nach einem vor Wind geschützten Zeltplatz. Gleich in der nächsten Schlucht werden wir fündig.

Als wir unsere vollbepackten Velos am nächsten Tag die Schlucht hinaufschieben, merken wir erst, wie gut wir vor dem Sturmtief Therese geschützt waren. Der Wind schiebt uns regelrecht durch die Gegend, meist zum Glück von hinten. Da wir durch fast leere Strassen und verträumte Dörfer fahren, können wir das oft sogar geniessen – und wir kommen gut voran.

Wir sagen zwar immer: „Lieber kein Wind als Rückenwind“, denn viel Wind, egal aus welcher Richtung, ist einfach anstrengend und lässt einen schnell ermüden. Man hat einfach nie wirklich Ruhe. Da die Prognose für die nächsten Tage Böen bis 100 km/h angesagt hat, kommen erste Zweifel auf, wie sinnvoll es ist, so Velo zu fahren.

Egal, fürs Erste machen wir jetzt eine Kaffeepause an einem windgeschützten Ort – denken wir – und machen uns auf die Suche. Kurze Zeit später finden wir im kleinen Dörfchen La Lajita einen Kinderspielplatz, der mehrere windgeschützte Sitzbänke im Schatten bietet. Da der Spielplatz ziemlich gross ist und kein einziges Kind am Spielen ist, machen wir es uns auf einer Sitzbank gemütlich und essen zuerst etwas Kleines.

Kurz darauf kommt ein kleiner Junge auf den Spielplatz und turnt etwas herum. Sein Vater setzt sich auf eine Bank etwa zehn Meter von uns entfernt und starrt uninteressiert in sein Smartphone. Der Junge scheint gelangweilt, und weil sich sein Vater nicht zu interessieren scheint, beginnt er uns (auf Deutsch) zu beleidigen. Erst ignorieren wir ihn. Als er dann aber auch noch mit eichelähnlichen Steinen nach uns wirft, sagen wir ihm mehr als einmal, dass man das nicht macht und er doch zu seinen Eltern gehen soll.

Kurz darauf kommt die Mutter angelaufen und versucht, ihm dasselbe mitzuteilen – doch der Junge wirft nun auch nach seiner Mutter 🙈. Immerhin nicht mehr nach uns, sodass wir unseren Kocher hervornehmen und beginnen, uns einen Kaffee zu machen. Beni will gerade das Wasser in die Pfanne abfüllen, da stürmt die Mutter hektisch auf uns zu und schreit uns an: „Das ist jetzt nicht euer Ernst – ihr wollt hier auf dem Spielplatz ein Feuer machen? Ich hole die Polizei, ihr seid gestört!“ (Das ist nur eine gekürzte Version ihres verbalen Ausrasters.)

Beni meint darauf ganz ruhig: „Sie können auch normal mit uns reden. Wir machen kein Feuer, wir kochen nur einen Kaffee mit einem harmlosen Kocher – der hat nur eine ganz kleine Flamme.“ Doch ihre Sicherungen sind bereits durchgebrannt. Bevor wir überhaupt sagen können, dass wir auch woanders hingehen würden, schreit sie weiter und greift nach unserem Kocher, als wolle sie ihn wegwerfen.

Beni hält ihre Hand fest, damit sie das nicht tun kann. Sie schnappt sich den Kocher mit der anderen Hand, wirft ihn im hohen Bogen weg und fängt hysterisch an zu schreien, als hätte ich sie geschlagen 🫣😳! Ihr Mann schaut zum ersten Mal seit über einer halben Stunde von seinem Smartphone auf und packt Beni am Hals.

Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so kurz davor, jemandem die Faust ins Gesicht zu schlagen – doch alles geht so schnell, dass ich gar nicht richtig begreife, was hier eigentlich passiert 😂. Schlussendlich gelingt es uns, die Situation ohne körperliche Gewalt zu beruhigen, und ihr Mann zieht wieder ab, setzt sich auf die Bank und schaut weiter in das Smartphone, als wäre nichts passiert 😳. Sie hingegen schreit weiter, sie werde die Polizei holen, weil ich sie geschlagen hätte und wir ein Feuer auf dem Spielplatz machen wollten 😂.

Das wird uns alles zu blöd. Wir packen unsere Sachen (zum Glück ist der Kocher nur leicht verbogen – so einen bekommt man auf den Kanaren nicht einfach ersetzt) und machen uns aus dem Staub. Ein paar Strassen weiter setzen wir uns mit zittrigen Händen und voller Adrenalin hin und müssen erst einmal tief durchatmen.

Das alles hat sich innerhalb weniger Sekunden abgespielt, und wir wissen nicht einmal genau, warum. Wir konnten ja gar nicht wirklich mit ihr reden. Das Kind tut uns einfach extrem leid – kein Wunder, dass es uns beleidigt und mit „Steinen“ beworfen hat. Wahrscheinlich wächst es zu Hause mit Gewalt auf.

Wir sitzen sprachlos da und kochen endlich unseren Kaffee auf unserem „gefährlichen Lagerfeuer-Kocher“ 😂. Schon krass: Man ist auf einem grossen Abenteuer – und wird nicht irgendwo in einer düsteren Stadt ausgeraubt oder entführt, sondern auf einem Spielplatz von deutschen Touristen angegriffen 😅.

Nach einem solchen Moment geht man achtsamer durch den Tag, denn man weiss nie, wann das Leben plötzlich enden kann – manchmal genügt es, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein.

Wir versuchen, die karge Landschaft trotz des störenden Windes so gut wie möglich zu geniessen. Sie ist ganz anders als auf den anderen Inseln, was sich spannend anfühlt.

Zum Wind kommen zunehmend auch immer wieder Regenphasen, die unsere Motivation strapazieren. Wir sind schon länger auf der Suche nach einem wind- und wenn möglich regengeschützten Zeltplatz. Am Ende finden wir am späten Abend eine leerstehende Ruine, die zumindest etwas Schutz vor dem extremen Wind bietet.

Die Prognose verschlechtert sich für die nächsten Tage erneut, und alle Medien (habt ihr wahrscheinlich auch mitbekommen) berichten bereits von diversen Überschwemmungen und Sturmschäden. Eine Warnung folgt der nächsten, und wir entscheiden uns, die Situation in einer Unterkunft zu besprechen. Zu gefährlich ist es, bei diesen Böen auf befahrenen Strassen zu fahren. Mit unseren Taschen bieten wir eine riesige Angriffsfläche für den Wind, und die meisten Autofahrer können leider nicht so weit denken, dass es für uns nicht ganz einfach ist, die Spur zu halten.

Nach einer windstillen Nacht in unserer Unterkunft beschliessen wir, die Kanaren vorzeitig zu verlassen, und buchen die Fähre von Puerto del Rosario zurück aufs spanische Festland nach Cádiz. Eigentlich hätten wir gerne noch Lanzarote erkundet, doch die Wetterlage macht uns einen Strich durch die Rechnung. Die Fährfahrt soll rund 38 Stunden dauern und hätte ursprünglich sogar einen Zwischenstopp auf Lanzarote beinhaltet.

Als wir am Abend am Fährterminal auf die Einfahrt der Fähre warten, hat sie bereits zwei Stunden Verspätung. Wir erfahren jedoch, dass sie aufgrund der Unwetterlage Lanzarote nicht anfahren kann und stattdessen direkt nach Cádiz fährt – was die verlorene Zeit wieder etwas wettmacht.

Die Fährfahrt an sich ist dann eigentlich ganz angenehm. Die Wellen sind beim Verlassen der Kanaren überraschend moderat, und dadurch, dass die Reise über zwei Nächte geht und wir sogar ein bisschen schlafen können, vergeht die Zeit erstaunlich schnell. Wer sich an den Blog zur Hinfahrt erinnert, weiss, dass wir dort schon kein Glück mit dem Kinderspielplatz hatten 😂 – also versuchen wir es dieses Mal gar nicht erst, dort zu schlafen, sondern legen unsere Matratzen einfach zwischen die Stühle.

Auch auf dieser Überfahrt haben wir wieder wundervolle Gespräche mit spannenden Menschen. Einige erzählen einem ihre halbe Lebensgeschichte und von Schicksalsschlägen, andere reisen mit drei kleinen Kindern und schlafen, genau wie wir, irgendwo zwischen den Stühlen.

Nach über 14 Wochen, vielen Abenteuern und 6 atemberaubenden Inseln ist es Zeit für ein kleines Fazit:

  • Sehr abwechslungsreich, je nach Insel hat man bis zu 5 Vegetationszonen
  • Auf den meisten Inseln ist es so, dass man irgendwo immer Sonnenschein findet – regnet es im Osten, ist es im Westen schön
  • In der Hauptsaison ist es sehr schwierig, spontan Unterkünfte zu buchen, da die guten und preiswerten Wohnungen bereits Monate im Voraus vergeben sind – zum Glück hatten wir unser Zelt dabei
  • Auf den meisten Inseln fährt man jeweils immer wieder ganz nach oben, um in ein anderes Tal zu gelangen und die Höhenmeter lassen somit grüssen 😅
  • Durch die vielen Fährfahrten geht es ganz schön ins Geld, durchschnittlich haben wir für eine Überfahrt jeweils 100 CHF zu zweit bezahlt (Velos sind gratis)
  • Das Wetter ist recht anspruchsvoll, wenn man alle Regionen inkl. Berge befahren möchte – von Temperaturen um den 0 Punkt bis zu 30 Grad (bei Calima) ist alles dabei und auch das Zelt sollte sturmfest sein wegen den oft starken Winden, auch in der Nacht

Für noch mehr Einblicke in unseren Veloalltag schaut euch unser neustes Video an:

1 Kommentar zu „Vom Rückenwind zur Sturmwarnung – Fuerteventura, Lanzarote & unser Kanaren-Fazit“

  1. Liebe Beni
    liebi Nicole
    D Schlofplätz i dem Täli und i dere Ruine sind jo mega cool gsi, aber mer muess sie au zerscht finde…
    Au so es Eichhörnli mit Längsstreife han i no nie gseh.
    Traumhaft muess die Fahrt dem wunderschöne Strand entlang gsi si, aber 50km/h mit em Velo, das isch scho grad e chli schnell…
    Hey, danke für all di interessante Informatione und einmalige Iidrück!-
    Ich wünsche eu gueti Begegnige und unvergesslichi Moment,
    hebed eu Sorg,
    herzlichst d Mame, d Heidi

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