La Gomera – Schluchten, Nebelwald und Sonnenaufgänge

Lageplan der Insel:

Route zum Blog:

Bye bye La Palma

Nach wunderschönen sieben Wochen auf La Palma geht es am 5.2. weiter auf unserem Kanaren-Abenteuer. Die nächste Insel auf unserer Reiselandkarte heisst La Gomera.
Doch bevor wir am nächsten Morgen um 5 Uhr mit der Fähre ablegen können, wartet noch einmal eine letzte Herausforderung: gut 1’000 Höhenmeter steilste Auffahrt nach El Pueblo – und das nach sieben Wochen Velopause 😅.
Beim Grillplatz oberhalb des Dorfes hatten wir unser Zelt schon auf der Hinfahrt aufgestellt. Von dort können wir, wenn der Wecker um 3.00 Uhr klingelt, eine halbe Stunde bergab zur Fährenstation sausen.

Zu La Gomera

Man sagt, La Gomera sehe von oben aus wie eine riesige Zitronenpresse. Und tatsächlich: Vom zentralen Hochplateau ziehen sich tiefe Schluchten strahlenförmig bis hinunter zum Meer – als hätte die Natur hier über Millionen Jahre hinweg unermüdlich am Gestein „gedreht“. Wind, Wasser und Erosion haben eine Insel geformt, die rau, wild und gleichzeitig überraschend grün ist. Im Herzen liegt der Nebelwald des Garajonay, wo sich die Passatwolken in den Baumkronen verfangen und der Insel ihr kostbares Wasser schenken.

Hallo La Gomera

Nach der zweistündigen, ziemlich ruhigen Überfahrt kamen wir völlig übernächtigt und in kompletter Finsternis auf La Gomera an. Unsere Stimmung war erstaunlich schlecht. Einer dieser Tage, an denen man an der Küste steht, dem Farbenspektakel des Sonnenaufgangs zuschaut – und trotzdem keine Glücksgefühle entstehen. Alles fühlt sich anstrengend an, nichts kann einen wirklich aufmuntern.
Dann merken wir auch noch, dass wir nicht besonders gut geplant haben. Plötzlich müssen wir hektisch überlegen, wie viel Essen wir für die nächsten Tage brauchen und wo wir das alles verstauen sollen. Auf der Insel gibt es kaum Einkaufsmöglichkeiten – und wenn, dann muss man immer mindestens 1’000 Höhenmeter rauf oder runter 🫣.
Weil Gleitschirmfliegen hier offiziell nicht möglich ist, beschliessen wir, dass Beni seinen Schirm irgendwo deponiert, um Platz für Proviant zu schaffen. Nur wo? Schliessfächer gibt es keine. Also fragen wir spontan im erstbesten Hotel, ob wir den Rucksack für etwa eine Woche da lassen dürfen. Eigentlich wollen wir ein Trinkgeld anbieten, doch der Rezeptionist winkt nur ab: kein Problem. Ein Problem und rund 10 Kilo Gewicht weniger 😃.
Dem Grosseinkauf steht also nichts mehr im Weg – unsere Laune bleibt trotzdem im Keller. Auch das gehört zu so einer intensiven Reise.
Schliesslich starten wir direkt in den ersten steilen Anstieg. Doch schnell wird klar: Heute macht das keinen Sinn mehr. Alles ist unglaublich anstrengend, wir sind einfach zu müde. Als wir uns das eingestehen, sind wir bereits auf etwa 300 m ü. M., mitten in einem extrem windigen Tal – nicht umsonst stehen hier Windräder 😅.
Jetzt müssen wir entscheiden: weiter hoch, obwohl Nicole’s Beine nicht mehr wollen? Alles wieder runter? Oder das Zelt hier in der Nähe eines Windrads aufstellen und hoffen, dass der Wind in der Nacht nachlässt?
Wir stehen da und fühlen uns wie gelähmt. Auf so einer Reise trifft man den ganzen Tag unzählige Entscheidungen, es ist ja auch kein gebuchter All-inclusive-Urlaub. Wenn einem dafür die Kraft fehlt, fühlt sich alles doppelt schwer und überwältigend an. Am Ende entscheiden wir uns fürs Bleiben, bauen das Zelt im böigen Wind auf und erklären den Tag für beendet.
Zum Glück legt sich der Wind in der Nacht. Wir holen Schlaf und Motivation nach.

Am Morgen öffnen wir die Zelttüre – gleicher Ort, gleiches Wetter, gleiche Reise, gleicher Partner. Und doch ist alles anders. Die Energie ist zurück, die Lebensfreude sprudelt wieder, und die Zweifel von gestern sind wie weggeblasen. Plötzlich wissen wir wieder ganz genau, warum wir das alles machen.
Diese Achterbahnfahrt der Gefühle erlebt man im „normalen“ Alltag nur selten. Unterwegs trifft sie einen mit voller Intensität.

Das Glück ist jetzt definitiv wieder auf unserer Seite und La Gomera zeigt sich von seiner schönsten Seite. Die nächsten Tage ist ein grosses Hochdruckgebiet über der Insel angesagt, das heisst wenig Wind und vor allem keine/wenig Wolken. So können wir die gesamte Strecke den Berg hoch das wunderschöne Panorama geniessen und vergessen dabei schon fast die Anstrengung. Unser heutiges Etappenziel ist der Campingplatz La Vista in El Cedro, der sich inmitten des Nebelwaldes befindet (der Passatwind sorgt in dieser Gegend für mystische Nebelschwaden, bemooste Bäume und eine einzigartige, feuchte Atmosphäre). Anstatt des Nebels erwartet uns aber strahlender Sonnenschein, wodurch wir auch dort fantastische Aus- und Weitblicke geniessen können.
Der Campingplatz ist sehr günstig, pro Nacht 4 Euro, und bietet alles, was man braucht: Ein Restaurant mit gutem Essen, eine Aussendusche mit Warmwasser, Toiletten und ebene Plätze, um das Zelt aufzustellen. Auch für musikalische Unterhaltung ist gesorgt in Form eines bunt gemischten Tierorchesters bestehend aus Schafen, Enten, Hunden und Katzen.
Für einen Tag lassen wir unsere Fahrräder stehen und geniessen eine kleine Wanderung durch den super schönen Wald aus Lorbeer, Moos, Farnen und Flechten.

Am Tag darauf zieht es uns dorthin, wo es wahrscheinlich jeden Besucher der Insel hinzieht, auf den höchsten Punkt der Insel, den Alto de Garajonay. Von da aus geniessen wir einen spektakulären 360° Ausblick über ganz La Gomera und die Nachbarinseln La Palma, El Hierro und Teneriffa – was für ein Augenschmaus!
Wir können uns kaum von diesem Anblick lösen, haben jedoch noch eine ziemliche Strecke zurückzulegen bis zu unserem heutigen Gastgeber, weshalb wir uns nach ein paar Stunden auf dem Aussichtspunkt auf den Weg machen.
Das mit unserem Gastgeber ist wieder einmal eine tolle Geschichte: Es gibt genau eine einzige Person, die auf der Plattform „Welcome to my garden“ auf La Gomera registriert ist und die Antwortrate dieses Mannes liegt bei gerade mal 30%. So schätzen wir uns glücklich, als er uns tatsächlich antwortet und uns mitteilt, dass er uns sehr gerne in seinem Garten empfängt.
Was daran auch besonders schön ist, ist, dass wir dadurch in ein Tal fahren, das wir gar nicht auf dem Schirm hatten, und es wäre eine Schande gewesen, wenn wir das verpasst hätten – es war nämlich atemberaubend schön und sehr unbekannt bei Touristen, sodass wir die Fahrt dorthin einfach für uns geniessen konnten.

Als wir uns jedoch nach der Adresse erkundigen, erhalten wir keine Antwort mehr. Wir beschliessen trotzdem in das kleine Tal Tazo hinunterzurollen und hoffen auf ein Wunder. Das Wunder trifft ein und während wir mit offenen Mündern die in den Sonnenuntergangsfarben getauchte Landschaft bestaunen, hält uns das einzige Auto, welches uns bis jetzt begegnete, an. Ratet mal, wer der Fahrer ist 😄 – genau, unser Host, der noch einen Kollegen abholen geht. Da das Kartenmaterial des abgelegenen Dorfes nicht auf dem neuesten Stand ist, schauen wir zusammen ins Tal hinunter und er beschreibt uns, welches Haus seines ist. Er meint, er sei in 1 Stunde zurück, wir können gerne schon mal die Dusche auf der Terrasse aufsuchen 😃.
Wir geniessen die warme Dusche, den unglaublich schönen Sonnenuntergang und werden heute Abend mal mit einem ganz anderen Tiergeräusch überrascht, nämlich dem eines Pfaus 🦚😃.
Nach einer erholsamen Nacht werden wir am Morgen sogar mit einem Kaffee begrüsst und können dann glücklich, zufrieden und gestärkt in den neuen Tag starten.

Ja, was sollen wir sagen, La Gomera meint es einfach nur gut mit uns. Die nächsten Tage sind einfach Genuss pur – bestes Wetter, angenehme Temperaturen, schönste Natur, top Schlafplätze. Einmal machen wir noch einen Pausentag und besuchen per Bus das bei Touristen sehr bekannte Valle Gran Rey, wohin viele Deutsche und auch einige Schweizer nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl ausgewandert sind. Uns hat es dort ehrlich gesagt nicht so gefallen. Nicht nur, weil es wirklich sehr touristisch war, sondern auch wegen der etwas lieblosen Strandpromenade. Viele Gebäude sind zerfallen und es sieht etwas trostlos aus. Aber so haben wir das auch mal gesehen.
Nun heisst es nach einer viel zu schnell vorbei gegangenen Woche und einer rasanten Abfahrt zum Hafen wieder einmal Fähre besteigen und die nächste Insel erkunden. Und die ist El Hierro, die kleinste der 7 kanarischen Inseln.

Für noch mehr Einblicke in unseren Veloalltag schaut euch unser neustes Video an:

1 Gedanke zu „La Gomera – Schluchten, Nebelwald und Sonnenaufgänge“

  1. Liebe Nicole
    Lieber Beni

    Zum ersten Mal sehe ich wie eine Wolkendecke über eine Krete zieht und dem Hang entlang hinunter… sehr eindrücklich, wow- auch der mystische Nebelwald, die Sonnenauf- und -untergänge und die „Freilichtdusche“. :-).

    Danke fürs Teilen eures einzigartigen Abenteuers
    Hebed Sorg und gnüssed’s!

    En liebe Gruess, Heidi, d Mame 😉

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