Von Andalusiens Strassen aufs offene Meer – und zurück ins Leben auf La Palma

Route zum Blog:

Olivenhaine, Olivenhaine und noch mehr Olivenhaine. Wir brauchten dringend einen Tapetenwechsel. Also entschlossen wir uns, einen kleinen Umweg über den Naturpark Sierra de Hornachuelos zu nehmen. Zuvor führte uns die Route jedoch noch durch die wunderschöne Stadt Córdoba. Leider wurde diese Etappe durch anhaltenden Regen ziemlich unangenehm. Zum Glück waren wir bisher fast ausschliesslich bei Sonnenschein unterwegs. Immerhin bot sich so die Gelegenheit, unsere neuen Ponchos nochmals auf Herz und Nieren zu testen.
Fazit: Sie halten definitiv länger trocken als herkömmliche Regenkleider – man schwitzt darunter allerdings trotzdem ganz ordentlich.
Fazit des Fazits: Wenn möglich der Sonne entlang ☀️😂.
In grösseren Städten versuchen wir, wenn immer möglich, Restaurants mit nicht-spanischer Küche zu besuchen. Denn kaum verlässt man die urbanen Gebiete, gibt es fast ausschliesslich spanische Lokale – und diese haben gefühlt alle dieselbe Speisekarte. Nichts gegen die spanische Küche, sie ist lecker, einfach sehr Fleisch- und Fischlastig. Wir haben auch sehr gerne mal etwas Gemüse auf dem Teller.
Hier merken wir einmal mehr wie verwöhnt wir in der Schweiz mit kulinarischer Vielfalt sind. Das zeigt sich auch an kalten Tagen, wenn wir uns gerne in ein Restaurant setzen würden, um uns aufzuwärmen. Denn hier wird schnell klar: Während wir in der Schweiz bereits jammern, wenn die Temperatur im Winter unter 21 Grad fällt, wird hier schlicht nirgends geheizt 🥶. So sitzen die Einheimischen mit Winterjacken in feuchtkalten Bars und trinken ihr eiskaltes Bier aus gefrosteten Gläsern. Keine Ahnung, wie sie das machen – das Glas ist so kalt, dass sich beim Einschenken direkt Bier-Eis bildet.

Nicht wirklich erstaunt, dass selbst im Naturpark Oliven angebaut werden, genossen wir dennoch die landschaftlichen Veränderungen. Endlich wieder etwas mehr Vielfalt: Hügel, Bäche, Flüsse und Stauseen. Da die Touristen-Saison schon lange vorbei war und auch das Wetter nicht besonders einladend prognostiziert wurde, hatten wir die Strassen quasi für uns allein. Das macht enorm viel aus – nur so kommt man in einen fast schon meditativen Zustand. Man träumt vor sich hin, hat viel Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen, sich zu fragen: Lebe ich das Leben, das ich will? Was sind meine / was sind unsere Ziele?
Für all diese Gedanken bleibt im normalen Alltag viel zu wenig Raum. Diese Zeit, in der man sich nur mit sich selbst auseinandersetzt, ist nicht immer nur schön. Teilweise kommen Gedanken oder Ängste hoch – all das, was man sonst gerne mit endlosem Scrollen durch Facebook, TikTok oder Instagram unterdrückt.

Auch im Naturpark schlagen wir unser Zelt wieder zwischen Olivenhainen auf 😅. Mit einem wunderschönen Abendhimmel verabschiedet sich gleichzeitig die Sonne – für die nächsten Tage.

Nun gilt es nochmals kräftig in die Pedale zu treten, damit wir rechtzeitig im Dorf Cazalla de la Sierra ankommen und den schlimmsten Regentag in einer Unterkunft verbringen können. Glücklicherweise führt ein Grossteil der Strecke entlang eines bezaubernden Velowegs, der Vía Verde de la Sierra Norte. Dieser verläuft auf der ehemaligen Eisenbahntrasse, welche einst die Zuglinie Zafra–Sevilla mit den Minen von Cerro del Hierro verband.
Die Temperaturen steigen nicht mehr über 11 Grad. Für uns heisst das: Raus aus den Bergen, hinunter ins wärmere Flachland. Ohnehin fährt unsere Fähre in wenigen Tagen von Cádiz nach La Palma.

Ganz so einfach, wie wir uns das mit der Fähre vorgestellt hatten, war es dann allerdings nicht. Grundsätzlich gab es für uns zwei Optionen:

  1. Cádiz → La Palma
    53 Stunden Fahrt, ohne Umsteigen, dafür mit diversen Zwischenstopps – und ohne Kabine.
  2. Cádiz → Teneriffa → La Palma
    33 Stunden von Cádiz nach Teneriffa, ohne Umsteigen und ohne Zwischenstopps (Kabinen waren leider alle ausgebucht), dann am nächsten Tag weitere 2,5 Stunden von Teneriffa nach La Palma, direkt.

Da wir uns nicht vorstellen konnten, zwei Nächte ohne Kabine irgendwo auf dem Boden einer Fähre auf unseren Luftmatratzen zu „schlafen“, entschieden wir uns für Variante zwei. Dass die Fähre jedoch am Abend um 20.30 Uhr im Norden Teneriffas ankommt und die Weiterfahrt nach La Palma am nächsten Morgen im Süden der Insel startet, wurde uns erst nach dem Ticketkauf bewusst 😂. Wie wir dieses kleine Logistikproblem gelöst haben, erzählen wir später.

Der weitere Weg an die Südküste Spaniens – unter anderem über Sevilla und Jerez de la Frontera – führte mehrheitlich durch flaches oder leicht hügeliges Gebiet. Kilometerlang ging es durch riesige landwirtschaftlich genutzte Felder, begleitet von endlosen Bewässerungskanälen, dazwischen immer wieder Solarfarmen und ab und zu ein kleines Dorf.

Um grössere Hauptstrassen oder gar Autobahnen zu meiden, entschieden wir uns für einen kleinen Umweg. Einen letzten Einkaufsstopp für Lebensmittel planten wir bei einem ALDI, ein paar Kilometer ausserhalb von Sevilla. Als wir uns dem vermeintlichen ALDI näherten, kam uns allerdings schon etwas komisch vor, dass hier ausschliesslich riesige Lastwagen unterwegs waren und überall nur gigantische Hallen standen. Entsprechend kippte die Stimmung, als wir realisierten, dass es sich um ein ALDI-Verteilzentrum handelt – und man dort als normaler Mensch schlicht nichts kaufen kann. Wieso bitte bewertet jemand ein ALDI-Verteilzentrum auf Google Maps? Das ist vorsätzliche Täuschung 😂🙈.
Okay, wir hätten definitiv besser recherchieren können.
Jedenfalls war nun klar: Die kleinen Nebenstrassen Richtung Südküste fallen vorerst weg, sonst hätten wir entweder nichts zu essen oder müssten nochmals den ganzen Weg zurück nach Sevilla fahren. Doch schon bald wurden wir positiv überrascht. Die vermeintlichen Hauptstrassen, die wir nun nehmen mussten, hatten in Wirklichkeit kaum Verkehr. Und haben wir schon erwähnt, dass die Spanier bisher mit Abstand am allerbesten überholen? Das hätten wir wirklich nicht erwartet. Teilweise ist es fast schon unangenehm: Selbst wenn wir auf dem Seitenstreifen fahren und Gegenverkehr herrscht, warten sie geduldig, bis die Strasse frei ist, wechseln komplett auf die andere Fahrbahnseite und überholen erst dann – inklusive gesetztem Blinker!
Dank der guten Strassenverhältnisse kommen wir nun sogar ein paar Tage zu früh an der Südküste an und legen noch eine Pause in einer Unterkunft ein.

13.12.2025. Endlich ist es so weit: Es geht auf die Fähre – Richtung Kanaren, Richtung Wärme. Gespannt rollen wir mit unseren vollbepackten Velos in den Wartebereich der Fähre ein und kommen sofort ins Gespräch mit Birgit und Frank, einem älteren Pärchen aus Deutschland, das sich ebenfalls mit bepackten Velos in die Schlange eingereiht hat.
Auf Anhieb verstehen wir uns super und sind beeindruckt, dass sie in ihrem Alter noch so unkompliziert und sportlich unterwegs sind. Unsere Gesprächspartner für die 33-stündige Überfahrt haben wir also bereits gefunden. Jetzt müssten wir nur noch jemanden finden, der uns vom Norden Teneriffas in den Süden mitnehmen könnte, was uns das Taxi zur nächsten Fähre sparen würde.
Die Velos sind sicher verstaut, und gemeinsam mit Birgit und Frank begeben wir uns auf Deck 7. Dort lassen wir uns in gemütliche, wenn auch etwas in die Jahre gekommenen Ledersesseln nieder und sind erstaunt, wie wenig Leute sich auf dem Schiff befinden. Bald gesellt sich noch Nicky zu unserer Sitzreihe. Für ihn scheint es nicht die erste Überfahrt zu sein – er ist bestens ausgerüstet, inklusive Wasserkocher für seinen Kaffee und den als Engländer obligatorischen Tee 😊.
Auch mit ihm kommen wir schnell ins Gespräch. Er erzählt, dass er für eine Weile mit seinem Camper auf Teneriffa bleiben wird, so wie er es schon oft gemacht hat. Beni zögert nicht lange und fragt, ob er nach der Ankunft direkt in den Süden fährt und eventuell noch Platz für uns und unsere Velos hätte. Seine Antwort kommt ohne zu zögern: „Yes, of course.“
Das Schicksal meint es gut mit uns!
Nicht ganz so gnädig zeigen sich hingegen die Meeresgötter. Während der gesamten Überfahrt schwankt das Schiff auf bis zu sieben Meter hohen Wellen hin und her. Wir sind froh, haben wir rechtzeitig unsere Reisetabletten eingeworfen. Und ehrlich gesagt sind wir im Nachhinein auch froh, dass die völlig überteuerten Kabinen ausverkauft waren – geschlafen hätten wir bei diesem Seegang darin wohl genauso wenig wie auf unseren Luftmatratzen am Boden.
Ohne Schlaf und nach einer gefühlten Ewigkeit laufen wir mit leichter Verspätung im Norden Teneriffas ein. Die Velos haben die Überfahrt gut überstanden und wir werden vom Personal aus dem Hafengelände eskortiert. Gleich um die Ecke wartet bereits Nicky mit seinem riesigen Camper, bereit uns einzuladen. Endlich wieder festen Boden unter den Füssen – allerdings nicht für allzu lange. Es ist bereits 21 Uhr und in zwölf Stunden legt unsere nächste Fähre auf der anderen Seite der Insel Richtung La Palma ab.

Also verlieren wir keine Zeit. Kurz nach 22 Uhr setzt uns Nicky in einem Dorf kurz vor der etwas grösseren Hafenstadt Los Cristianos ab. Jetzt gilt es, in völliger Dunkelheit so schnell wie möglich einen Schlafplatz zu finden, das Zelt aufzubauen und wenigstens noch ein paar Stunden Schlaf nachzuholen. Unsere Ansprüche sind entsprechend bescheiden: Wir schlagen das Zelt direkt neben einer Nebenstrasse auf.
Um 5:45 Uhr klingelt nach wenigen Stunden Schlaf bereits wieder der Wecker. Die letzten Kilometer wollen rechtzeitig zurückgelegt werden, damit wir pünktlich fürs Check-in der nächsten Fähre nach La Palma bereit sind.

Für die Überfahrt nach La Palma dachten wir: Für diese 2,5 Stunden brauchen wir keine Reisetablette, das schaffen wir locker auch so. Dabei hatten wir allerdings nicht bedacht, dass es sich um eine deutlich kleinere Fähre handelt, die bei gleichem Wellengang entsprechend viel stärker schaukelt 🤢. Die Crew war sichtlich im Stress, die gefüllten Kotzbeutel der Passagiere einzusammeln und die schreienden Kinder der Eltern, die selber auch kurz davor waren sich zu übergeben, zu beruhigen.
Leider hat es auch Nicole erwischt. Das wollten wir eigentlich unbedingt vermeiden, denn dieser Akt des Übergebens kostet enorm viel Energie – und davon würden wir an diesem Tag noch einiges brauchen, schliesslich warteten noch so einige Höhenmeter auf uns.

Daher ging es für uns zuerst einmal an den Strand in Santa Cruz de La Palma, um uns auszuruhen und anzukommen, die letzten Tage ging es doch sehr turbulent zu und her. Wir fühlten uns noch wie in einem Film, waren völlig übernächtigt und so konnten wir noch gar nicht richtig realisieren, was wir eigentlich geschafft haben. Die grossen Emotionen überrollten uns dann erst am Tag darauf, als wir ausgeschlafen waren.
Nach einem stärkendem Mittagsessen und dem Ausruhen am Strand begaben wir uns auf den Weg nach Puerto Naos, wo wir in einem Tag unsere Unterkunft beziehen werden. Puerto Naos liegt praktisch auf der gegenüberliegenden Seite, auch auf Meereshöhe. Das bedeutet einmal über den Süden der Insel alles hoch und dann alles wieder runter in den Westen. Auf dem Weg gab es bei El Pueblo, das wussten wir durch Beni’s Wandererfahrung, einen Picknickplatz auf etwas über 700 m.ü.M. Wir entschieden, dass dies von der Distanz ein perfekter Ort ist, um zu übernachten und so stellten wir unser Zelt dort auf und fielen schon bald in einen tiefen Schlaf.
Vom Sonnenaufgang wurden wir geweckt, krochen aus dem Zelt, rieben uns die Augen, hatten eine unglaubliche Sicht aufs Meer und realisierten zum ersten Mal, was für einen extremen Meilenstein und welch Wunder es für uns ist, dass wir komplett gesund nach den 3 harten Jahren hier angekommen sind. Das bedeutet für uns nicht nur es hierher geschafft zu haben, sondern uns auch wieder zurück ins Leben gekämpft zu haben. In diesen 2 Monaten hat sich in unseren Köpfen so viel getan, wir konnten gefühlt das ganze erlebte Trauma mit jedem zurückgelegten Kilometer zurücklassen.
Die noch verbleibende Strecke haben wir mit feuchten Augen und einem unentwegten Lachen im Gesicht gemeistert. Abfahrten geniesst man als Velofahrer ja generell schon extrem, aber diese 1’000 Höhenmeter waren einfach noch das Tüpfelchen auf dem i. Selten haben wir so starke Glücksgefühle empfunden wie beim Einfahren nach Puerto Naos, wo wir nun 6 Wochen bleiben werden.

Für noch mehr Einblicke in unseren Veloalltag schaut euch unser neustes Video an:

8 Gedanken zu „Von Andalusiens Strassen aufs offene Meer – und zurück ins Leben auf La Palma“

  1. Liebe Nicole, lieber Beni
    Spannend zu lesen wie ihr nun hoffentlich euer „Comming Back to La Palma“ weiter geniessen könnt, danke für euren eindrücklichen Beitrag!
    Heidi Gasser

  2. 😅 Sehr geil, eine Wahl der Übernachtungsplätze nach meinem Geschmack. Die „armen“ Kinder hätten beinahe eine Nacht ohne Kinderspielplatz auskommen müssen🤪 Viel Vergnügen in La Palma, ä gueti Ziit und immer eine handbreit Luft unter dem Gleitschirm😎

    1. Hey Benjamin, Kinder hatte es nicht mal welche auf der Fähre, aber der Typ meinte, der Kapitän hat das so entschieden, ihm seien die Hände gebunden 🤦‍♂️😂. Er musste selber etwas lachen.
      Liebi Grüess

  3. Andreas & Barbara

    Wir freuen uns sehr, dass ihr gesund in La Palma angekommen seid! So ein Glück, euch so strahlend und voll Energie zu sehen! Genießt eure Zeit auf der Insel.

  4. Wie immer toll und interessant geschrieben. Ganz erstaunlich, was ihr hier erlebt und leistet. Und scheinbar auch viel Zeit habt, über „Gott und die Welt“ nachzudenken. Meine herzliche Gratulation zu dieser Reise und weiterhin alles Gute. Und Happy New Year gerade aus Burbank CA.

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