Von Portugals Küstenwind in Spaniens Pampa

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In Lissabon entscheiden wir uns nicht mehr länger dem Küstenradweg zu folgen, sondern durchs Inland Richtung spanische Grenze zu fahren. Der Küste entlang gen Norden wäre die nächsten Tage viel Gegenwind angesagt und ehrlich gesagt haben wir die Nase voll vom EuroVelo 1. Voller Hoffnung fahren wir also los und sind gespannt, welche Art von Untergrund und Verkehr uns erwartet. Wir landen auf Wegen, die vor allem für die Landwirtschaft genutzt werden und aufgrund von Überschwemmungen voller Furchen sind und teils auch aus Sand- und Graspassagen bestehen – und somit interessant zu fahren/schieben sind 😅😄.
Es ist eine kuriose Gegend, wo wir z.B. einmal in einem abgelegenen Wald drei Nonnen begegnen, die gemütlich entlang des Weges spazieren und wahrscheinlich etwas im Wald gesammelt haben.

Die weitere Strecke ist nicht so spektakulär – es gibt hie und da schöne Dörfchen, aber meistens wird die Region stark landwirtschaftlich genutzt und wir fahren an Kuh-, Pferde- und Schafweiden entlang. Das heisst auch, dass praktisch alles eingezäunt ist und es schwierig wird einen Platz zum Wildzelten zu finden. Diese umzäunten Weiden sind oft so gross, dass man schon fast das Gefühl hat, die Tiere seien frei und wir eingesperrt. Einmal treffen wir einen Bauern, den wir fragen, ob wir direkt an der Strasse, zwischen Bahngleis und Weidezaun, unser Zelt aufstellen dürfen. Zum Glück fährt nur eine Lok durch und ansonsten ist es wunderbar ruhig, nur das Muhen der Kühe hören wir gelegentlich. Auf solchen eher langweiligen Strecken versuchen wir dann jeweils irgendetwas zu finden, das uns mit Vorfreude erfüllt und die Motivation hochhalten lässt – in diesem Fall ist es die Aussicht, dass wir direkt an der Grenze zu Spanien bei Rocio (einem Warmshowers-Host) für 2 Nächte wohnen dürfen. Zum Einen freuen wir uns immer über den Austausch mit anderen Veloreisenden und zum Anderen wohnt sie so abgelegen, was unsere Neugierde weckt. Und als wäre das noch nicht genug Grund zur Freude, hat es auch noch eine Möglichkeit für Beni, um seinem Gleitschirm wieder einmal etwas frische Luft zu gönnen. Somit haben wir also ein schönes Ziel vor uns und wir fahren beschwingt durch malerische kleine Dörfchen, ehe wir dann im wirklich hinterletzten Ecken in der portugiesisch/spanischen Grenzregion herzlich von Rocio in ihrem Steinhäuschen empfangen werden. Und hier ein kleiner fun fact: Es ist eigentlich gar nicht Rocio’s Häuslein, sondern das von einem Schweizer Ehepaar, das gerade für 6 Monate in Mexiko weilt und Rocio hütet in dieser Zeit das Haus und die 3 Katzen und darf weitere Gäste im Haus empfangen. Sehr spannend mal von dieser Art des Wohnens zu erfahren, also das Haus von anderen Personen zu hüten und dafür gratis darin wohnen zu können. Und das ist nicht das einzige Spannende, das wir von Rocio erfahren, denn sie ist eine weit gereiste Frau – sie war während 6 Jahren! auf dem Velo unterwegs, von Japan bis nach Spanien. Sie erzählt uns, dass sie zu Beginn komplett ohne Handy gereist sei und einfach Menschen am Strassenrand nach dem Weg gefragt hat und durch diese Interaktionen oft zu den Menschen nach Hause eingeladen wurde. Später hatte sie dann zwar ein Handy, aber ohne Internet, einfach um Fotos machen zu können. Wir konnten uns das fast nicht vorstellen, vor allem haben wir sie gefragt, wie sie dann Kontakt nach Hause halten konnte und sie meinte, dass sie leider keine engen Freunde habe, da sie in der Kindheit oft umgezogen sei, und ihren Vater kennt sie leider nicht und zur Mutter habe sie auch nicht das engste Verhältnis. Das ist natürlich sehr traurig. Und uns ist klar, dass das früher ja immer so war, dass man manchmal wochenlang nicht wusste wie es den Menschen zu Hause geht, oder umgekehrt denen, die auf Reise sind.
Rocio und wir ergänzen uns so gut, dass wir gleich noch eine Nacht länger bleiben. So haben wir genügend Zeit, die beeindruckende mittelalterliche Stadt Marvão zu besichtigen, die spektakulär auf einem Felsen über dem Alentejo thront.
Beim Spaziergang durch die engen Gassen und entlang der alten Stadtmauern geniessen wir die besondere Ruhe und den weiten Blick über die hügelige Landschaft bis hin zur spanischen Grenze.
Als krönender Abschluss gelingt Beni ein spektakulärer Klippenstart mit dem Gleitschirm. Er kreist gemeinsam mit riesigen Gänsegeiern über den Stadtmauern und landet eine gute Stunde später direkt neben dem Haus von Rocio. Nicole zeigte sich als Profi-Startassistentin und half Beni den Schirm in dem schlecht angeströmten Startplatz in die Luft zu kriegen.

Etwas wehmütig verabschieden uns von Rocio und fahren die wenigen Kilometer bis zur spanischen Grenze. Der winzige Grenzübergang ist völlig unspektakulär – nicht einmal ein Schild mit den Ländernamen ist zu sehen.
Nur wenige Minuten später hören wir ein Auto von hinten heranrollen und sagen zueinander: „Was denkst du, werden wir jetzt wieder mit mehr Abstand überholt, weil wir in Spanien sind?“
Und tatsächlich: Fast jedes Auto überholt wieder vorsichtig und angenehm – was für ein Segen 😃! Grenzen wirken sowieso immer ein bisschen surreal: Im einen Land wird man beinahe von jedem Auto angefahren und im anderen dann ganz entspannt mit grossem Bogen überholt, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Da gibt es ja noch zahlreiche weitere Beispiele.

Jetzt fahren wir quer durch die Region Extremadura. Sie erstreckt sich über rund 8,3 % der spanischen Landmasse, beherbergt aber mit nur etwa 25 Einwohnern pro km² lediglich rund 2,6 % der spanischen Bevölkerung.
Unterwegs fühlt sich das Ganze an wie in der Pampa: endlose Weiten, kaum Menschen, dafür gut ausgebaute, leere Strassen. Dieses Gefühl von Raum und Stille ist beeindruckend.

Nach drei eindrücklichen Tagen in der „Pampa“ erreichen wir erstmals wieder eine etwas grössere Stadt: Plasencia. Die Stadt liegt in der Provinz Cáceres am Ufer des Flusses Jerte. Nach einer kurzen Pause in Plasencia geht es für ein paar Kilometer dem Jerte entlang weiter.
Zu den schönen Ausblicken in die tief eingeschnittenen Schluchten kommt noch ein besonderes Highlight dazu: Wir fahren endlich wieder auf einer Via Verde. Das sind stillgelegte Bahnstrecken, die heute ausschliesslich Wanderern und Velofahrern vorbehalten sind. Sie sind meist in sehr gutem Zustand und ermöglichen es, sich voll und ganz auf die Landschaft zu konzentrieren, ohne Verkehr oder Ablenkung.

Da wir mit unserer Strecke quer durch die „Pampa“ so gute Erfahrungen gemacht haben und zuvor eher enttäuscht vom EuroVelo waren, entscheiden wir uns, auf dem weiteren Weg die grossen touristischen Städte wie Salamanca auszulassen und unser Glück wieder auf den kleinen Dorfstrassen zu suchen.

Rein verkehrstechnisch funktioniert das auch hervorragend: Wir fahren erneut auf fast leeren, gut ausgebauten Strassen. Doch landschaftlich wird es für unsere Augen jeden Tag eintöniger. Tagelang geht es entlang von Feldern – immer das gleiche Bild: 15 Kilometer Landwirtschaft, dann ein kleines 100-Seelen-Dorf mit Kirche, einem Rathaus samt Uhr, die nicht funktioniert, und Menschen, die uns anstarren, als wären wir von einem anderen Planeten. Gegrüsst wird selten, vieles wirkt verlassen und etwas leblos.
Auch kulinarisch wird es sehr konstant: In praktisch jedem Restaurant gibt es Fleisch oder Fisch mit Pommes, immer ohne Gemüse. Zum Glück haben wir unseren Benzinkocher dabei und können unseren Vitamin- und Ballaststoffhaushalt mit viel Gemüse selbst ausgleichen. Meistens läuft es bei uns so, dass wir am Abend selber kochen – das ist einfach praktisch, weil wir dann sowieso schon an einem gemütlichen Platz sind und alles aufgebaut haben.
Zum Mittagessen sind wir hingegen froh, wenn wir ein Restaurant finden und nicht selbst kochen müssen. Dann geniessen wir es umso mehr, einfach kurz einzukehren, etwas Warmes zu bekommen und Energie für weitere Kilometer zu sammeln.

Zum fleischlastigen Mittagsmenü gibt es dann Wasser, Bier oder Wein. Bestellt man Wein, bekommt man direkt eine ganze 0,75-Liter-Flasche zum Mittagsmenü serviert. Da dieser Hauswein oft unterster Qualität ist, wird er gerne mit La Casera, einer spanischen Zitronenlimonade, gemischt – das nennt sich dann Tinto de Verano.

Immer wieder sind wir erstaunt, fast schon irritiert, wie viel hier getrunken wird. Auch die Arbeiter, die uns später wieder auf den Strassen begegnen, teilen sich zum Mittag locker eine Flasche Wein zu zweit 🫣. Vielleicht überholen sie uns deshalb mit so viel Abstand 😂😅?

Hier ein paar Beispiele der Kulinarik:

Als wir in Alba de Tormes auf einem Campingplatz sind, kommen wir mit dem sehr netten Pächterpaar ins Gespräch und auch sie erzählen uns von den Alkoholproblemen im Land. Sie haben sich deswegen sogar entschieden ihre Bar für diese Saison nicht zu öffnen, da die Einheimischen oft über den Durst getrunken haben und somit die Campinggäste vergraulten. Fun fact: Zur Begrüssung auf dem Camping haben sie uns einen ganzen Krug Sangria ans Zelt gebracht 😂:

Nebst dem Fahren in der Ödnis kommt jetzt noch dazu, dass das Wetter extrem komisch wird. Jeden Tag haben wir riesige Gewitterzellen, die sich auftürmen und sich extrem unberechenbar verhalten. Wir merken auch, dass wir uns nicht auf den Wetterbericht verlassen können, weil wir eines Abends nur mit einem halbstündigen Gewitter rechnen und 8 Stunden später ist es noch immer nicht vorbei. Es war so heftig, dass wir beim nahegelegenen Gebäude Schutz suchten und kein Auge zugetan haben.

Wir merken, dass die eher eintönige Gegend ein Katalysator für unser Heimweh ist und wir versuchen trotzdem die Reise noch zu geniessen und planen ein Highlight, nämlich den Besuch der Halbwüste Bardenas Reales, worüber wir im nächsten Blogbeitrag berichten.

Für noch mehr Einblicke in unseren Veloalltag schaut euch unser neustes Video an:

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