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Pünktlich fahren wir morgens um 8 Uhr mit der Fähre in Cádiz ein. Unser grober Plan lautet, zunächst der Küste entlang Richtung Portugal zu fahren. Den ersten Stopp legen wir jedoch in Chipiona ein, denn genau in diesem Moment erreicht uns die Nachricht des Warmshower-Kontakts, dass Benis Luftmatratze per Post bei ihm zugestellt wurde 🎉😃! Was für ein Glück. Nach der Übergabe geht es gleich weiter: Wir beschliessen, ein paar Kilometer weiter unser Zelt aufzuschlagen. Da wir dringend duschen wollen, steuern wir den Campingplatz „Camping La Siesta de la Gaviota“ an.
Da wir unseren Helm fast den ganzen Tag tragen, fragt man uns bei der Rezeption des Campingplatzes gleich, ob wir mit dem Velo unterwegs seien. Als wir dies bejahen, heisst es: „Da unser Chef Velofahrer unterstützen möchte, ist die erste Nacht für euch gratis.“ Ein geniales Angebot, das wir uns nicht entgehen lassen. Wir stellen unser Zelt auf der wunderschönen Wiese auf. Dann heisst es: Luftmatratze aufblasen und schlafen – ganz ohne Flickenteppich.
Den guten Schlaf konnten wir nach den zwei Nächten auf der Fähre gut gebrauchen, denn schon steht das nächste Abenteuer an: Ein rund 30 km langer, mehr oder weniger befahrbarer Strandabschnitt im Naturschutzgebiet Doñana zwischen Sanlúcar und Matalascañas. Eigentlich gibt es nur zwei Optionen: Entweder man nimmt einen grossen Umweg über Sevilla mit viel Verkehr in Kauf, oder man wagt sich über den Sand.
Eine winzige Fähre bringt uns über den Río Guadalquivir ins Naturschutzgebiet – und spuckt uns direkt auf dem Sand wieder aus. Hier darf nur gewandert oder Velo gefahren werden. Zudem wird man gefühlt hundertmal darauf hingewiesen, dass das Übernachten verboten ist und die Strecke anspruchsvoll sei.
Die ersten 15 km fühlen sich richtig gut an. Wir kommen zügig voran und geniessen die komplette Abgeschiedenheit – nur wir und 30 km Sandstrand. Nach etwa der Hälfte wird der Sand jedoch stellenweise weicher und die letzten Kilometer werden zur echten Herausforderung. Teilweise müssen wir die Velos schieben. Trotz allem bleibt es ein einzigartiges Erlebnis. Einzig die sporadisch vorbeifahrenden Offroad-Touristenbusse und der angeschwemmte Abfall trüben das Bild etwas.
















Der nächste Abschnitt, vorbei am Hafen von Huelva, gehört hingegen eher zur unschönen Sorte. Überall riesige Industrieanlagen, schwarzer Rauch und schlechte Velowege, die teilweise einfach an einer stark befahrenen Brücke mit Veloverbot enden 🫣. Trotzdem bietet die Stadt Huelva auch einige schöne Blicke und Gebäude.
Nun ist es nicht mehr weit bis zur portugiesischen Grenze. Wir geniessen das Wetter in vollen Zügen – eine super Entscheidung, die Kanaren zu verlassen und zurück aufs Festland zurückzukehren. Pünktlich zu unserer Ankunft hat sich das Wetter nämlich deutlich gebessert. Wie ihr vielleicht mitbekommen habt, war der Winter im Süden von Spanien und Portugal von zahlreichen Überschwemmungen und extrem viel Regen geprägt. Jetzt lacht uns im Wetterbericht jeden Tag die Sonne entgegen.
Schliesslich erreichen wir die Grenzstadt Ayamonte, wo wir erneut eine kleine Fähre nach Portugal nehmen. Endlich wieder ein neues Land.


BEHANDLUNG
MIT HERBIZIDEN
WIR BITTEN UM ENTSCHULDIGUNG FÜR DIE UNANNEHMLICHKEITEN“















Schnell merken wir, dass wir mit unseren paar Sätzen Spanisch hier nicht weit kommen. Die Wörter sehen oft ähnlich aus, aber die Sprache klingt komplett anders – fast so, als würde jemand mit einem stark russischen Akzent Spanisch sprechen 😅. Immerhin sprechen die Portugiesen deutlich besser Englisch als die Spanier, sodass wir gut zurechtkommen.
Abgesehen von der Sprache, verändert sich auch das Fahrverhalten der Autofahrer spürbar – leider zum Negativen. In Spanien werden wir fast restlos mit grossem Abstand überholt, während wir in Portugal gefühlt von jedem zweiten Auto knapp passiert werden. Da wir nun grösstenteils auf dem EuroVelo 1 entlang der Algarve unterwegs sind, denken wir zuerst, das werde schon passen. Doch da haben wir uns geirrt: Abgesehen von einigen wunderschönen, von der EU finanzierten Abschnitten, ist der EuroVelo 1 oft einfach ein Synonym für stark befahrene Hauptstrassen – eine echte Frechheit. Eigentlich sollte es möglich sein, solchen Strecken den EV1-Status zu entziehen!
Auch sonst begeistert uns die Algarve bisher nicht wirklich. Klar, zwischendurch tauchen immer wieder diese spektakulären Klippenlandschaften auf, die man von Bildern kennt. Doch die meiste Zeit fahren wir gar nicht direkt an der Küste entlang, sondern durch touristische Orte, die sich gefühlt endlos mit riesigen Golfanlagen abwechseln. Und davon gibt es hier erstaunlich viele: Über 40 Golfplätze, jährlich werden hier etwa 1,5 Millionen Runden gespielt – ein enormer Wirtschaftsfaktor, der rund 4,2 Milliarden Euro zur Wertschöpfung in Portugal beiträgt.
Wir brauchen eine Pause von der Küste und entscheiden uns, etwas ins Landesinnere auszuweichen. Dort befindet sich, rein zufällig natürlich 😉, auch noch ein Gleitschirmstartplatz.
Der kurze Abstecher ins Inland – inklusive zwei genialer Gleitschirmflüge mit perfekter Toplandung – hat unsere Motivation, der Küste nochmals eine Chance zu geben, definitiv wiederbelebt.
Da der Veloweg erneut hauptsächlich an Golfplätzen und Touristenburgen entlangführt, beschliessen wir kurzerhand, die Velos für einen halben Tag bei einem Restaurant zu «parkieren» und einen Teil der Wanderung der „Sieben Hängenden Täler“ zu Fuss zu erkunden. Nur so kommt man wirklich in den Genuss der schönsten Abschnitte der Algarvenküste.
Und tatsächlich: Wow. Die Landschaft ist spektakulär. Gleichzeitig sind wir überrascht, wie viele Leute hier unterwegs sind – trotz Nebensaison und eiskaltem Wasser. Der Abstecher lohnt sich aber definitiv und wertet unser Algarve-Erlebnis nochmals deutlich auf.
Am Abend geht’s dann wieder auf Schlafplatzsuche. Wir entdecken eine abgelegene Strasse und folgen ihr neugierig bis ganz nach oben – und landen plötzlich auf einem scheinbar verlassenen Golfplatz. Der Rasen wirkt löchrig, überall wachsen kleine Büsche. Perfekt.
„Eigentlich wollten wir schon immer mal auf einem Golfplatz zelten“, denken wir uns – und bauen unser Zelt direkt am Rand des Rasens auf.
Wir schlafen erstaunlich ruhig. Zu ruhig, wie sich herausstellen wird.
Um ca. 6.30 Uhr werden wir plötzlich von einem lauten Zischen geweckt. Halb verschlafen denken wir zuerst an Wind. Doch nach ein paar Sekunden macht es Klick: Sprinkleranlage.
Und zwar nicht irgendeine – sondern eine, die sich gemütlich im Kreis dreht… und unser Zelt samt Velos im regelmässigen Takt komplett durchduscht 😂. Man konnte praktisch die Sekunden zählen, bis der Wasserstrahl wieder mit voller Wucht einschlägt.
Zum Glück dauert die unfreiwillige Zeltdusche nur ein paar Minuten.
Kaum ist es ruhig, hören wir das nächste Geräusch: ein lautes Brummen. Wir schauen raus – und sehen einen jungen Mann auf einem hochmodernen John-Deere-Rasentraktor direkt auf uns zufahren 🙈. Ups.
Er hält vor unserem Zelt, stellt den Motor ab – und lacht erst einmal herzhaft los. Sofort sympathisch 😄. Wir entschuldigen uns und erklären, dass der Platz wirklich nicht danach ausgesehen hat, als wäre er in Betrieb.
Seine Antwort: Der Golfplatz sei brandneu und werde erst in etwa einem Monat eröffnet. Darum sehe alles noch etwas „wild“ aus – es fehlen ja schliesslich noch ein paar Golfplätze in der Algarve 😅.
Er bleibt entspannt, meint, wir sollen uns ruhig Zeit lassen, damit die Sonne das Zelt wieder trocknen kann. Wir plaudern noch eine Weile über unsere Reise – er ist sichtlich interessiert – und verabschieden uns dann mit einem Grinsen im Gesicht.















Nach Lagos wird es endlich etwas ruhiger: weniger Verkehr, weniger Tourismus und stattdessen saftig grüne Landschaften. Unser nächstes Ziel ist der Gleitschirmstartplatz „Miradouro da Cordoama“.
Dieser Ort ist nicht nur für Piloten ein Highlight. Selten sind wir so lange einfach nur dagestanden und haben gestaunt. Die Kombination aus steilen Klippen, rauem Atlantik und dieser Weite ist schlicht beeindruckend.
Durch das Gleitschirmfliegen landen wir immer wieder an solchen Orten – und kommen ganz nebenbei auch schnell mit anderen Piloten ins Gespräch. So hebt Beni auch hier zu einem atemberaubenden Flug ab und gleitet entlang der Küste dahin. Nicole geniesst es unterdessen, seit langem wieder einmal mit ein paar anderen Schweizern am Startplatz Schweizerdeutsch zu plappern.
Der „Miradouro da Cordoama“ markiert gleichzeitig unseren westlichsten Punkt in Portugal. Ab jetzt geht es wieder nach Norden, zurück auf den EuroVelo 1, mit Lissabon als nächstem grossem Ziel.
Doch bis nach Lissabon sind es noch gut 250 km. Entlang der Küste treffen wir auf erstaunlich viele Wanderer – die meisten sind wohl auf dem bekannten „Fisherman’s Trail“ unterwegs. Andere Velofahrer sehen wir hingegen keine einzigen.
Unsere Zelte schlagen wir oft tief in wunderbar duftenden Eukalyptus- oder Kiefernwäldern auf, denn versteckte Plätze sind hier sonst eher rar. Dafür führt der EuroVelo in diesem Abschnitt deutlich häufiger direkt an die Küste, und meist haben wir kaum Verkehr. Zweimal wagen wir uns sogar ins eiskalte Wasser 😃.
Langsam merken wir jedoch: Wir brauchen wieder einmal ein paar Tage Pause und ein richtiges Dach über dem Kopf. Also versuchen wir unser Glück über die Warmshowers-Plattform und schreiben in Lissabon rund zehn Leute an. Und tatsächlich: Yair und Aline sind die einzigen, die sich zurückmelden und bieten uns an, gleich drei Nächte bei ihnen zu bleiben – und das an bester Lage.
Wir freuen uns sehr darüber, denn die Gastfreundschaft in Spanien und Portugal haben wir bisher eher als inexistent erlebt. Deshalb überrascht es uns auch nicht ganz, dass die Warmshowers-Community hier weniger aktiv ist. In anderen Ländern hat das meist schon nach zwei oder drei Anfragen geklappt.
Für die letzten zwei Tage wird der EuroVelo dann wieder einmal zur Hauptstrasse. Die Überholmanöver fühlen sich teilweise… sagen wir mal: sportlich an. So kommt wieder unser bewährtes Hilfsmittel zum Einsatz – der berüchtigte „Fuck-Off-Stick“: Ein möglichst langer, spitzer Ast, quer am Gepäckträger befestigt, der Autofahrer ganz subtil an den nötigen Abstand erinnert 😁. Funktioniert erstaunlich gut.
Das letzte Stück führt uns nochmals mit einer Fähre über den Fluss Tajo – und plötzlich stehen wir mitten in der Hauptstadt Portugals.
Unsere Warmshowers-Hosts empfangen uns herzlich. Die nächsten Tage verbringen wir entspannt: Wir schreiben am Blog, streifen auf eigene Faust durch die Stadt und lassen es insgesamt etwas ruhiger angehen, da unsere Hosts arbeiten müssen.
Als kleines Dankeschön kochen wir für sie ein feines Abendessen – das gehört für uns irgendwie immer dazu, um etwas zurückzugeben. Mit gutem portugiesischen Wein wird der Abend schnell feuchtfröhlich, wir lachen viel und führen spannende Gespräche. Sie leben erst seit zwei Jahren hier und kommen ursprünglich aus Israel – umso interessanter sind ihre Geschichten und Perspektiven.



























Ob uns der EuroVelo 1 von der Küste vertreibt, lest ihr in unserem nächsten Blog 🙋♀️🙋♂️.
Für noch mehr Einblicke in unseren Veloalltag schaut euch unser neustes Video an:
